Ein Erlebnissbericht: 4 Jahre bei Jugend Debattiert

Dieser Text erschien in dieser Form auch in der Broschüre des Philanthropinum von 2017. Kauft euch also lieber die, als den Text in meinem verranzten Blog zu lesen.

Als ich mich in der 8. Klasse für den Schulwettbewerb Jugend Debattiert eintragen ließ, hatte ich noch keine Ahnung, welches Ausmaß das ganze einmal annehmen würde.  Anfangs mit einer guten Zusatznote gelockt, fand ich jedoch schnell Gefallen daran, mit anderen zu diskutieren,  ihre Argumente zu entkräften und ihnen dann meine darzulegen. Das debattieren in der AG zusammen mit den anderen in einer geschützten Umgebung, in der man Zeit hatte, die formalen Aspekte der Debatte zu verinnerlichen, aber auch den Feinschliff an Argumenten und Gegenargumenten vorzunehmen, war hilfreich, aber leider zumeist selten. Man muss sehen, wann alle Zeit haben, wann die einen Klassenarbeiten oder Klausuren schreiben, welche anderen AG’s sich eventuell überschneiden und zu spät durfte es natürlich auch nicht sein, schließlich schwindet mit fortschreiten des Tages auch allmählich die Konzentration. Immerhin bereitete uns die AG gut auf die Regionalwettbewerbe vor, die nun folgen würden. Man konnte insbesondere hier am besten sehen, dass hinter dem Wettbewerb, dessen Organisation und der Durchführung  in erster Linie engagierte Lehrer stehen, die in ihrer Freizeit versuchen, diesen logistischen und organisatorischen Herausforderungen entgegenzutreten. Ich ließ mich später auch zum Juror weiterbilden, da ich beim akuten Personalmangel in den Riegen von Jugend debattiert – vor allem auf Schulebene – gerne aushelfen wollte, um das Projekt um jeden Preis am Laufen zu halten. Auch merkt man deutlich, dass an Jugend debattiert viele Gleichgesinnte teilnehmen. Denn, obwohl wir alle in Konkurrenz zueinander standen, haben wir alle versucht, uns gegenseitig zu helfen und unsere Debatten vorzubereiten. Auch wenn man dafür dem eigentlichen Konkurrenten seine Argumente verraten muss. Das ist eine wichtige Lektion, denn beim Debattieren kommt es auch auf Teamwork an. Wer nicht mit seinem Debattenpartner zusammenarbeiten kann oder will, kann keine ordentliche Debatte führen.  Immerhin – es treten in den Wettbewerben zwar nur 8 Leute pro Altersstufe  an, aber diese 8 sind die Sieger aus jeweils ihren Schulen und deshalb gab mir allein schon die Teilnahme am Regionalwettbewerb das Gefühl, etwas erreicht zu haben, auch wenn ich nicht immer die nächste Stufe erreichte.

Insgesamt zwei Mal hatte ich das Glück, am Regionalsiegerseminar des Landes Sachsen-Anhalt teilnehmen zu können. Hier wird man von Profis, die richtig was vom Debattieren verstehen, zwei Tage lang im Thema Debatte und alles was dazu gehört geschult, aber auch viele allgemein-rhetorische Kompetenzen werden hier vermittelt. Kleine Kniffe, die nicht nur beim Debattieren, sondern auch bei Vorträgen in der Schule das Zünglein an der Waage sein können:                                                      Wie trete ich selbstsicher und entschlossen auf?                                                       Was mache ich gegen Lampenfieber?                                                                      Wie hinterfrage ich das Argument meines Gegenübers korrekt und so, dass es die Debatte vorantreibt?

All das versuchten uns großartige Leute wie Erik Schymalla, ein Jugend debattiert-Alumni, der nun Jura studiert, und Marcel Hinderer, ein professioneller Rhetoriktrainer, zu vermitteln. Das Landesfinale in Sachsen- Anhalt  findet traditionell im Plenarsaal des Landtags in Magdeburg statt. Da, wo sich normalerweise die echten Politiker über die großen Fragen der Landespolitik unterhalten, dort sollte ich nun eine Debatte halten. Ich war schon mal Zuschauer bei  einem Landesfinale, aber selber debattieren? In diesem Jahr war es dann so weit.  Ich dachte noch: Na gut, das müssen ja zum Glück nur  die 4, die es ins Finale schaffen, bei der Konkurrenz konnte ich mir das unmöglich vorstellen. Wieder waren die besten 8 aus jeder Altersgruppe in ganz Sachsen-Anhalt zusammengekommen. Zusatzsteuer auf Fleisch? Bargeldgeschäfte begrenzen? Das sind schwierige Fragen, auf die es Antworten zu finden galt, und zwar sowohl dafür als auch dagegen, man weiß ja  nie, welchen Standpunkt man später vertreten muss. Nach dem Mittagessen mit den Landtagsabgeordneten in deren Kantine stand es plötzlich fest: Ich. Ich muss gleich debattieren. Im Landtag. Vor allen anderen Debattanten aller Altersklassen, einigen Landtagsabgeordneten und dem Landtagspräsidenten.  Im Plenarsaal. Zur Frage, ob „Mein Kampf“ im Unterricht behandelt werden soll. Das ganze würde im MDR ausgestrahlt werden. Ich war unglaublich nervös. Aber Moment, was hatte ich im Siegerseminar gelernt? Die 5 A’s. Aufstehen – Auftreten – Aufstellen – Aufatmen – Applaus annehmen.  Ich sprach über den Rechtsruck, mit dem derzeit viele Parlamente in Deutschland zu kämpfen haben. Ich sprach über Gefühle, die vermittelt werden müssen und über den pädagogischen Wert von zeitgenössischen Texten. Ich erreichte den dritten Platz. Und als mir der Landtagspräsident meine Urkunde übereichte sagte er mir: „Wieland, geh in die Politik, und wirke diesem Rechtsruck entgegen.“ Das mit der Politik muss ich mir noch überlegen, aber für das Gefühl, in so einem großen Wettbewerb so weit gekommen zu sein, für die wertvollen Tipps und neuen Bekanntschaften, für die vielen lustigen aber auch interessanten Stunden und Debatten, kann ich der Hertie-Stiftung, den Organisatoren der Wettbewerbe und allen engagierten Lehrern nur danken.